
Rund 100 Menschen versammelten sich am 9. März auf dem Spittaplatz in Burgdorf und setzten ein Zeichen für Gleichstellung, Solidarität und feministische Politik.
Der Spittaplatz war an diesem Montagnachmittag kaum wiederzuerkennen. Infoplakate zu Feminismus, Patriarchat und Gender Gaps säumten den Platz. Am Rand spannte sich eine Wäscheleine, an der Zettel hingen, darunter auch die Aussage: „Untersuchungen aus Deutschland zeigen: Ehen gelten als statistisch stabiler, je weniger die Ehefrau verdient.“ Dazwischen funkelten Diskokugeln in der Märzsonne, daneben gab es ein buntes Kindereck mit Basteln und Malen. Auch das Thema Care-Arbeit wurde sichtbar gemacht: Wickenthies stand mit einem Baby in der Trage, umgeben von verstreuten Windeln, auf dem Platz. Vor ihm stand ein Schild mit der Aufschrift: „Meine Frau streikt heute auch!“
Fast alle Besucherinnen trugen lila Buttons mit der Aufschrift „Stell dir vor, ich würde heute streiken“. Das Frauen- und Mütterzentrum hatte einen Parcours zu Hürden und Benachteiligungen von Frauen aufgebaut und stand für Gespräche bereit.
Eingeleitet wurde die Kundgebung durch Laura Schomaker von „Burgdorf ist bunt!“, die persönlich von ihren eigenen Gründen für den Streik sprach, von Wut, von Frust und davon, dass beides auf viele zutreffe. „Viele wollen nicht einfach so weitermachen und stillschweigend die erdrückende Last tragen. Viele suchen nach Verbindung unter Frauen und werden lauter. Und das ist gut so“, sagte sie.
Danach stellte Berenike Nädler von der Orgagruppe die Frage in den Raum, was wäre, wenn nicht eine einzelne Berufsgruppe streikt, sondern eine Bevölkerungsgruppe, die die Hälfte der Menschen ausmacht. Dabei ging es auch darum, was geschehen würde, wenn Frauen nicht nur ihre Erwerbsarbeit niederlegen, sondern jede Form von unbezahlter Arbeit einstellen. Einzelne Frauen der Gruppe beschrieben dazu konkrete Bilder: unversorgte Kinder, Männer, die nicht arbeiten könnten, Eltern, die nicht gepflegt würden, und Arbeit, die schlicht liegen bleibe.
Besonders eindrücklich war der Privilegiencheck. Alle Teilnehmenden hielten die Faust in die Höhe und streckten bei jeder zutreffenden Aussage einen Finger aus. Gefragt wurde unter anderem, wer schon einmal Angst auf dem Nachhauseweg hatte, wer wegen Sorgearbeit beruflich zurückgesteckt hat, wer sexistisches Verhalten erlebt und geschwiegen hat und wer geringere Rentenansprüche hat. Die Unterschiede zwischen den Frauen und Männern im Publikum wurden dabei sichtbar.
Anja Seidel leitete anschließend die feministische Wissensrunde „Wissen ist Widerstand“. Drei Teilnehmerinnen schätzten Zahlen zu verschiedenen Fragen. Genannt wurden dabei 123 Jahre bis zur weltweiten wirtschaftlichen Gleichstellung von Frauen und Männern, ein Anteil von nur 10 bis 15 Prozent der Straßen, die nach Frauen benannt sind, sowie 58 Tage, die Frauen im Jahr 2026 statistisch gesehen umsonst gearbeitet haben. Dies wurde mit dem Gender Pay Gap in Verbindung gebracht.
Yvonne Marchewitz, die als vom Bundesamt für Migration und Flucht zugelassene Lehrkraft Integrations- und Sprachkurse gibt, machte auf die Situation der Lehrkräfte von Integrationskursen aufmerksam. Die Streichung dieser Kurse treffe, so ihre Darstellung, nicht nur Frauen mit Migrationshintergrund, sondern auch hochqualifizierte Lehrkräfte. Diese seien oft prekär angestellt und drohten in Armut abzurutschen, wenn ihnen die Lebensgrundlage entzogen werde.
Isabel Rojas von der GEW trug einen Poetry Slam zum Frauenstreik vor. Darin hieß es: „Heute ist kein Tag für leise Worte – heute klingt die Welt nach mehr. Wir sind keine Randnotiz in eurer alten Norm – wir sind die Hälfte dieser Welt, wir verändern jetzt die Form.“ Antonia Josefa, die nicht persönlich anwesend sein konnte, schickte ihren Text als Aufnahme über den Spittaplatz.
Zum Abschluss formulierte Laura Schomaker Forderungen nach mehr Geld und fairer Bezahlung für Sorgeberufe, abgesicherten Sorgezeiten, Schutzräumen für alle, Prävention, die Täter in die Pflicht nimmt, sowie Gleichstellung für Migrantinnen, Frauen mit Behinderung, queere Frauen und Frauen aus prekären Verhältnissen. Außerdem forderte sie echte Wertschätzung im Alltag.
Auch das Thema Solidarität spielte zum Abschluss eine wichtige Rolle. Es brauche, so die Rednerinnen, nicht nur den Zusammenschluss von Frauen, um aus der Vereinzelung herauszukommen, sondern auch Männer, die sich klar positionieren, nicht schweigen, nicht mitlachen und nicht wegschauen. Ergänzend bot ein feministischer Büchertisch mit Unterstützung der Buchhandlung Freyraum Raum zum Stöbern und Kaufen. Genannt wurden unter anderem die Titel „Was wollt ihr denn noch alles?“ von Alexandra Zykunov und „Unlearn Patriarchy“.
Rund 100 Menschen kamen an diesem Nachmittag auf den Spittaplatz. Die Stimmung war nach Darstellung der Veranstalter von Gesprächen, neuen Kontakten und gegenseitiger Bestärkung geprägt.
