
Um 11:09 Uhr – acht Minuten nach Konzertbeginn – standen die ersten Tanzpaare auf der Fläche. Und das blieb so, über Stunden. Das Jazz Jamboree im StadtHaus am gestrigen Sonntag, 22. März 2026, war nicht nur ein Konzert: Es war die große Geburtstagsfeier der Jazzfreunde Altkreis Burgdorf, die vor genau 20 Jahren, am 15. März 2006, offiziell gegründet wurden. Rund 20 Künstler aus ganz Deutschland spielten sechs Stunden lang Boogie Woogie, Blues, Rock’n’Roll und Jive – und das Publikum feierte mit. Tänzerpaare waren sogar eigens aus Bielefeld und Oldenburg angereist. Die weiteste Anreise hatte ein Besucher aus Mönchengladbach.
„Die Pianisten suchen sich ihre Begleiter vor Ort aus – ungeprobt“
Das besondere Konzept des JazzJamboree formulierte Vorsitzender Paul Rohde bereits in der Ankündigung: „Die Profi-Pianisten werden sich vor Ort ihre Begleitmusiker aussuchen und ungeprobt in ihrem eigenen Stil performen. Das ist sicher eine Herausforderung und wird spannend.“ Die Rhythmusgruppe des Tages bildeten Bernd Kuchenbecker aus Berlin am Kontrabass und Andreas Bock aus Jeinsen am Schlagzeug.
Den Auftakt machte die Kombo Front Porch Picking aus Göttingen: Peter Funk, Dirk Heimberg, Wolfgang Beisert, Hans-Jörg Maucksch und Tom Dyba – alle in bunten Hawaii-Hemden – brachten Gitarre, Dobro, Lapsteel, Ukulele, Mandoline, Kontrabass, Percussion, Mundharmonika und vierstimmigen Gesang mit. Das Publikum reisten musikalisch nach Louisiana und Hawaii, ehe die ersten Tanzpaare das Parkett betraten.






„Das gibt es kein zweites Mal in der Region“
Paul Rohde, 1. Vorsitzender der Jazzfreunde, begrüßte zur Eröffnung besondere Gäste: Bürgermeister Armin Pollehn mit Gattin Nicole, die Landtagsabgeordnete Heike Koehler, den Vorsitzenden der Jazzfreunde Osterode sowie den ehemaligen Ortsbürgermeister von Otze, Carl Hunze.
In seinem Rückblick auf zwei Jahrzehnte Vereinsgeschichte ließ Rohde keinen Zweifel daran, was die Jazzfreunde auszeichnet: die Bereitschaft, Unbekanntes zu zeigen. Bands, die in Berlin kaum jemand kenne – in Burgdorf füllten sie das Haus. Das Axel-Zwingenberger-Konzert beim 13. Burgdorfer Boogie Festival, das Pfingstfestival im Stadtpark mit Größen wie 8 to the Bar aus Hamburg, Shreveport Rhythm und Bun Jon and the Big Jive – immer volles Haus. „Man hat schon Vertrauen in meine Auswahl“, sagte Rohde und erntete hierfür großen Applaus. „Jazz ist im Osten der Region Hannover eine Größe – und das gibt es kein zweites Mal in der Region.“
Unter den internationalen Stars, die der Verein bereits nach Burgdorf und Lehrte geholt hatte, nannte Rohde unter anderem Axel Zwingenberger, Abi Wallenstein und Gottfried Böttger – langer Applaus nach der Liste. Rohde sprach auch offen über die Zukunft: Andere Clubs hätten bereits aufgehört. In Burgdorf müsse das kein Ende haben – wenn die Gäste kämen und der Verein weitergeführt werde. Die jüngsten Vorstandswahlen hätten wichtige Weichen gestellt.
„Musik ist das Leben selbst“
Bürgermeister Pollehn nutzte das Jubiläum für ein klares Bekenntnis. Die Jazzfreunde hätten sich „längst zu einer kulturellen Größe in Burgdorf“ entwickelt. Jazz bringe Generationen zusammen, Menschen aus Burgdorf und der Region – „und für ein paar Stunden entsteht genau das, was Musik kann: Sie wird zum gelebten Moment, zum gemeinsamen Erlebnis.“ Die Auszeichnung des Landes Niedersachsen, die dem Verein zuteilgeworden sei, nannte er eine verdiente Anerkennung.
Die Landtagsabgeordnete Heike Koehler brachte es auf den Punkt: „Jazz hört man nicht so einfach nebenbei, das sucht man sich aus.“ Was die Jazzfreunde geschaffen hätten, sei nicht selbstverständlich – es komme von innen, aus echter Leidenschaft. „Es geht nicht nur um die Musik, es geht um Begegnungen. Man trifft Menschen, irgendwann ist man nicht mehr nur Gast – man gehört dazu.“
Ehrung für 20 Jahre stille Arbeit
Bevor die Musik das Wort vollends übernahm, gab es einen besonders persönlichen Moment: Rohde ehrte ein Mitglied, das seit der ersten Stunde dabei ist – Flyer verteilen, Einlasskontrolle, Abendkasse. „Ohne sie läuft nichts“, sagte er – und überreichte seiner Frau Magitta einen Blumenstrauß.
K.C. Miller, der Moderator des Tages, ergänzte aus eigener Perspektive: „2005 war mein erster Auftritt hier in Burgdorf mit den Jive Sharks. Die meisten Auftritte meiner Karriere habe ich in Berlin gehabt – aber die zweitmeisten dann schon in Burgdorf.“
Boogie bis die Bühne bebt
Nach Front Porch Picking übernahm das Feld der Pianisten. Jörg Hegemann aus Witten-Rüdinghausen wurde mit stehendem Applaus und Bravo-Rufen verabschiedet. Henning Pertiet aus Verden folgte – und schon standen wieder alle Tänzer auf der Fläche. Ecki Hüdepohl reihte sich ein, dann Marius Labsch aus Hildesheim, erst solo, dann gemeinsam mit Kuchenbecker und Bock. Labsch fragte ins Publikum: „Macht es euch denn Spaß?“ Die Antwort: „Jaaaa.“
Niels von der Leyen aus Berlin übernahm die Stücke seines Vorredners mit einem Augenzwinkern: „Ich werde in die Fußstapfen von Jörg Hegemann schlüpfen.“ Von der Leyen, der seine Berufsanfänge eng mit dem Verein verbindet, spielte vier Stücke solo – und bedankte sich ausdrücklich: „Das ist eine große Freude für mich, heute hier zu spielen.“
Zwei Kommentare zur Lage der Welt
Christian Christl aus Essen hielt inne und nahm sich einen Moment für eine klare Positionierung: Er sei gefragt worden, ob es noch richtig sei, amerikanische Musik zu spielen. „Jetzt erst recht“, antwortete er. Die Musik sei von Menschen gemacht worden, die unter Ungerechtigkeit leiden mussten – und das mache sie nicht weniger gültig, im Gegenteil. Wieder großer Applaus.
Jan Luley aus Hauneck – Pianist und sonst auch New-Orleans-Reiseleiter – schlug einen nachdenklicheren Ton an. In drei Tagen hätte er mit Freunden eine Reise in die USA angetreten. Zum ersten Mal in 20 Jahren falle die Tour aus, weil sich nicht genug Menschen angemeldet hätten. „Ich kann es ihnen nicht mal übelnehmen.“ Dann spielte er „I Wish I Was in New Orleans“ von Tom Waits und den St. Louis Blues von 1914 – und das Publikum klatschte mit.
„Alles muss einmal ein Ende haben“
Den Abschluss gestaltete Kat Baloun aus den USA, Bluesmusikerin, Sängerin und Mundharmonikaspielerin, die in Berlin lebt und mit ihrer Formation Frostbites aus Finnland und Deutschland auftrat. An die Band schloss sich eine große Jam-Session an. Der Höhepunkt des Abends: Niels von der Leyen und K.C. Miller setzten sich gemeinsam ans Piano und begleiteten Kat Baloun – die Stimme der Sängerin kochte auf, das Publikum feierte. K.C. Miller beendete die Veranstaltung schließlich mit dem Satz: „Alles muss einmal ein Ende haben.“ Die Musiker wurden mit großem Applaus entlassen.
Für Jazzfreunde-Vorsitzender Paul Rohde geht ein erfolgreicher Tag zu Ende und ein würdiges Jubiläum des Vereins. Er freute sich besonders über die vielen Tanzpaare. „Das ist wirklich toll.“ Und was die Gäste sagten, als sie gingen? „Das war super“ – eine einhellige Meinung.
Und nach dem Gig ist vor dem Gig. Am 18. April 2026 haben die Jazzfreunde im Stadthaus die einmalige Performance der holländischen Band „The Busquitos“ mit Jazz, Swing, Country und Balkanmusik zu Gast. Ihre Shows sind eine Explosion von Musik und Humor, bei der sie das Publikum aktiv mit Serenaden, Tänzen und spontanen Aktionen einbeziehen. Die Busquitos sind ein fantastischer Jazz-Comedy-Act, der Festivals und internationale Bühnen erobert hat.














































