
Schlaghosen, Ölkrise, RAF-Terror und Flower Power — mit rund 70 Gästen hat das Stadtmuseum Burgdorf am heutigen Sonnabend, 6. Juni 2026, eine neue Sonderausstellung eröffnet: „Ein Jahrzehnt im Umbruch – die 1970er Jahre“ nimmt die Besucherinnen und Besucher bis zum 6. September mit auf eine Zeitreise in eines der widersprüchlichsten Jahrzehnte der deutschen Geschichte.
Musikalisch eingestimmt wurden die Gäste in der Schmiedestraße von Daniel Fernholz. Der Burgdorfer Musiker eröffnete den Abend mit Juliane Werdings „Am Tag, als Conny Kramer starb“ von 1972 — und traf damit sofort den Nerv des Publikums. „Wir sind Kinder der 70er Jahre“, brachte Fernholz das Lebensgefühl des Vormittags auf den Punkt.
Michael Raupach, stellvertretender Vorsitzender des VVV Burgdorf, begrüßte die Gäste und dankte dem Ausstellungsteam, den Leihgebern sowie den Sponsoren — der Sparkasse Hannover, CKT Folientechnik und der Region Hannover — für ihre Unterstützung. Die Ausstellung sei einmal mehr ein Beleg dafür, dass das Stadtmuseum immer wieder neue, beeindruckende Ausstellungen auf die Beine stelle.
Pollehn erinnert sich — und zieht Parallelen zur Gegenwart
Den Hauptredebeitrag übernahm Bürgermeister Armin Pollehn, der die 70er Jahre nicht als Historiker, sondern als Zeitzeuge beschrieb. „Ich muss mich nicht kurzhalten“, sagte er — und ließ sich Zeit für eine persönliche, lebendige Rückschau.
Die 70er seien ein Jahrzehnt zwischen Aufbruch und Krise gewesen: Freiheitsgefühl und Rüstungswettlauf, Discofieber und Ölkrise, Bewusstseinserweiterung und RAF-Terror. „Es war ein widersprüchliches Jahrzehnt“, so Pollehn. „Eine kleine Gruppe wollte mordend den Umsturz versuchen — und gleichzeitig gab es diese ungeheure Aufbruchsstimmung.“
Er erinnerte sich an persönliche Wegmarken: die erste Freundin, das erste Fahrrad, den Führerschein, den Interrail-Ticket als Symbol einer neuen europäischen Offenheit — „selbst nach Italien mussten wir zweimal Geld wechseln.“ Er sprach vom Erlebnis des ersten Taschenrechners, von LPs aus dem Bestellheftchen „2001″, von Wrangler-Jeans und Parka — und natürlich vom Motorrad: „Wir vorn, das Mädchen von hinten umarmend — was war das ein Erlebnis.“ Das Publikum lachte.
Zum Schluss zog Pollehn eine nachdenkliche Linie in die Gegenwart: Ölkrisen, Olympia-Attentat 1972, Mogadischu, RAF — „das sind Bilder, die gehen einem nicht mehr aus dem Kopf.“ Ob sich seither wirklich etwas geändert habe? Konflikte hätten sich eher verschlimmert. Und doch: „Es war eine schöne Zeit — so sollten wir sie in unserem Gedächtnis halten.“
Burgdorf in den 70ern: Wachstum, Verlust und Neuanfang
Ein besonderer Schwerpunkt der Ausstellung widmet sich der Stadtgeschichte Burgdorfs in diesem Jahrzehnt. Die Stadt wuchs rasant von 18.000 auf 28.000 Einwohner. 1970 übernahm Langnese-Iglu die Konservenfabrik — eine Geschichte ging zu Ende, eine andere begann. Bereits am 12. Januar 1970 wurde mit dem Abbruch der 1847 erbauten fünfflügeligen Mühle ein stadtbildprägendes Wahrzeichen beseitigt. 1971 schloss das Iglu-Werk wieder — 360 Mitarbeiter verloren ihren Arbeitsplatz, das Burgdorfer Kreisblatt sprach vom „schwärzesten Tag in der Geschichte Burgdorfs“. 1972 fand der Oktobermarkt erstmals statt, 1974 folgte die Gebietsreform und der Landkreis Burgdorf hörte auf zu existieren.
Am Rande streifte Pollehn auch ein aktuelles Thema: die Sorgenser Mühle. Das Risiko sei nunmehr nicht mehr einschätzbar — die tragenden Balken seien im Inneren weich. „Wir haben beim Mühlenfest Familien und Kinder, daher bitte ich um Verständnis, dass wir entschieden haben die Mühle zu sperren.“ Die Stadt werde Maßnahmen ergreifen, um die Mühle zu erhalten.
Exponate und Mitmachbereich
Zu sehen sind neben zahlreichen Schautafeln, Fotografien und Dokumenten auch originale Exponate aus dem Jahrzehnt: ein Ford Escort aus den frühen 70er Jahren, eine Vespa Ciao L, eine Moto Guzzi „Nuovo Falcone“ und eine Hercules Supra 4. Eine Mitmach- und Umkleideecke lädt zum Eintauchen in die Mode der Zeit ein.
Die Ausstellung „Ein Jahrzehnt im Umbruch – die 1970er Jahre“ ist bis zum 6. September 2026 jeweils samstags und sonntags von 14 bis 17 Uhr bei freiem Eintritt im Stadtmuseum Burgdorf, Schmiedestraße 6, zu sehen. Ein begleitender Ausstellungsführer ist für 6 Euro im Museum sowie bei Bleich Drucken und Stempeln, Braunschweiger Straße 2, erhältlich.






























